Knigge und die Justiz

Freiherr von Knigge hat es schon gewusst:


„Wenn Du auch nicht das Unglück erlebst, daß Deine Angelegenheit einem eigennützigen, parteiischen, faulen oder schwachköpfigen Richter in die Hände fällt, so ist es schon genug, daß Dein oder Deines Gegners Advokat ein Mensch ohne Gefühl, ein gewinnsüchtiger Gauner, ein Pinsel oder ein Schikaneur sei, um bei einem Rechtsstreite, den jeder unbefangene gesunde Kopf in einer Stunde schlichten könnte, viel Jahre lang hingehalten zu werden, ganze Zimmer voll Akten zusammengeschmiert zu sehn und dreimal soviel an Unkosten zu bezahlen, als der Gegenstand des ganzen Streits wert ist, ja am Ende die gerechteste Sache zu verlieren und Dein offenbares Eigentum fremden Händen preiszugeben. Und wäre beides nicht der Fall, wären Richter und Sachwalter geschickte und redliche Männer, so ist der Gang der Justiz in manchen Ländern von der Art, daß man Methusalems Alter erreichen muß, um das Ende eines Prozesses zu erleben. Da schmachten dann ganze Familien im Elende und Jammer, indes sich Schelme und hungrige Skribler ihr Vermögen teilen. Da wird die gegründeteste Forderung wegen eines kleinen Mangels an elenden Formalitäten für nichtig erklärt. Da muß der Ärmere sich’s gefallen lassen, daß sein reicherer Nachbar ihm sein väterliches Erbe entreißt, wenn die Schikane Mittel findet, den Sinn irgendeines alten Dokuments zu verdrehn, oder wenn der Unterdrückte nicht Vermögen genug hat, die ungeheuren Kosten zu Führung des Prozesses aufzubringen.“

Adolph Freiherr von Knigge (1752 – 1796), in: „Über den Umgang mit Menschen, 3. Teil, 6. Kapitel“

Genau das, was Knigge von über 200 Jahren beschrieben hat, habe ich Tag für Tag vor deutschen Gerichten erlebt und erlebe es noch immer. Wer in Deutschland einen Rechtsstaat sucht, wird nach meiner Erfahrung vergeblich suchen. Wir haben zwar ein ganz passables Grundgesetz, aber die Rechtswirklichkeit ist eine gänzlich andere in Deutschland.

(Quelle: Wikimedia Commons, public domain,
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berner_Iustitia.jpg ,
Iustitia, Göttin der Gerechtigkeit,
auf dem Gerechtigkeitsbrunnen in Bern, Hans Gieng 1543 )

Also lautet die bittere Wahrheit aus erster Hand:

„Und so bleibt am Ende die Erkenntnis: Ein Rechtsstaat, wie er den Verfassern des Grundgesetzes vorgeschwebt hat, den haben wir nicht, und wir entfernen uns ständig weiter von diesem Ideal.“
Dr. Egon Schneider, ehemaliger Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht Köln, in: „Der Niedergang des Rechtsstaates“ Festschrift für Christian Richter II „Verstehen und Widerstehen“, 26. September 2006, (Quelle : http://www.hu-marburg.de/homepage/justiz/info.php?id=134 ).

Dr. Egon Schneider hat leider Recht.


© 2013 Gila Seidl

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